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Blick zum Lilienstein um 1810  (Christian Gottlob Hammer) Stadtmuseum Pirna
Ortsgeschichte
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Bauerngut 1630
Ein Bauerngut in Proßen* um 1630
       
(* zeitgemäße Schreibweise)
Ein Testament und ein Inventarverzeichnis aus dem Jahre 1630 bringen etwas Licht ins Dunkel der 380 Jahre zurückliegenden Zeit:
Um das Jahr 1620 lebt in Proßen der Bauer Christoph Meinert. Da die Kirchenbücher in Königstein erst später beginnen, wissen wir nicht, wann er geboren ist, und auch die Daten seiner zwei Ehen fehlen. Nur der Name Marthe, der zweiten Ehefrau, ist überliefert.
Im November 1623 scheint er sich über sein Ende Gedanken gemacht zu haben, denn er beschließt ein Testament abzufassen. Da er nicht schreiben kann, muss er mit der Hilfe des Pirnaer Amtschößers sein Testament aufsetzen, das - in schlechten Zustand - noch erhalten, wenn auch nicht leicht zu entziffern ist.
Er setzt darin seine Ehefrau Marthe und seine Kinder als  Erben ein, wobei die Ehefrau ein Drittel Erbteil bekommen soll, und die Kinder die übrigen zwei Drittel unter sich aufteilen sollen. Wobei die Kinder der ersten und der zweiten Ehe gleichberechtigt sind. Außerdem gibt es Regelungen für noch unmündige Kinder und für den Fall einer Wiederverheiratung der Witwe.
Auch das Gesinde wird nicht vergessen,
1 fl. (Gulden) 3 gr. (Groschen) bekommt „der Junge
1 fl. 9 gr. „die Magd
1 fl. -gr.  „das Mägdlein
Sechs Jahre später, am 22. Februar 1629, stirbt Christoph Meinert. Vier Wochen danach wird das Testament eröffnet und eine Inventarliste erstellt. Erben sind die Witwe und die zehn (!) Kinder, von denen noch einige unmündig sind und die deshalb einen Vormund bekommen. Für die zwei verheirateten Töchter ist ihr Ehemann der Vormund. Auch die Witwe ist als Frau nicht allein handlungsfähig und muß ebenfalls einen Vormund nehmen.
Der wohl älteste Sohn Hannß übernimmt das väterliche Gut für 700 Gulden.
Das Gut besteht aus:
hauß, hoff, Scheune, Ställen,
sambt alle deßelben pertinenz stücken,
alß deme neuen Räumichte vntern
garthen, die Spieze genant, denn
Hahnn (?) an der Elben zwischenn Hann-
ßenn Brunnings, vnnd der Kirchleitenn
gelegen, Inngleichen die Hohe leitenn“
(Pertinenzen sind Lehnäcker)
Außerdem gehören noch 5 „stücklein acker auf Söldener Gerichten“, also auf der Sellnitz dazu, bei denen es aber Probleme gibt, denn es fehlen Kauf- und Pachtbriefe.
Über die Berechnung und Verteilung der Erbegelder gibt es eine recht komplizierte
Rechnung.
Nun beginnt die Aufzählung und Aufteilung des Nachlaßes:
               Ann Getreidicht. (Getreide)
(1 sächs. Scheffel ist ein Hohlmaß von 106,8 Liter)
       4½ .  schll.   Sommer Korn,  2 Scheffel bekommt der Käufer, den Rest die Erben          
             8 schll.   Hafer,     bleibt beim Käufer
         2 ¾ schll.   Heidekorn,    1 schll. dem Käufer, den Rest die Erben
         1 Viertel    Gerste,    bleibt beim Käufer für Samen
             1 schll.   Winterkorn, bleibt beim Käufer zur „bröttung“ (für Brot)
         3 Viertel    Wicken, 2 Viertel dem Käufer für Samen, den Rest die Erben
          2 Achtel    Hafer,  1 Achtel dem Käufer für Samen, den Rest die Erben
          1 Viertel    Hirse,   ½ Viertel dem Käufer für Samen, den Rest die Erben
              1 schll.   Lein,  haben sich die drei Töchter und die Witwe geteilt
                                               Zum Rindviehe.
7 „melckende Kühe“ (Milchkühe),  2 Kühe bekommt der Käufer, 1 Kuh der Sohn                            Hans, 1 Kuh die Tochter Magdalena, 2 Kühe die Witwe, die letzte Kuh                              wird dem Käufer um 9 Taler verkauft
  2 „Kalben“ (Kälber), sie werden den beiden jüngsten Söhnen Andreas und George
                        „auß gutwilligkeit gelaßenn, es ist aber hierbey zu mercken, das die                                  schwarzfahle Georgen, die andere aber Andreaßen durchs Loß                                         zuegefallen
    “ grobes und 2 meßige Zug…ßenn (Zugeisen?) sind dem Käufer „samt allen                             Wagen werck schieff vndt geschirr“ gelassen worden     
2  Ziegen,       eine bekommt der Pfarrer in Königstein, die ihm der alte Meinert schon
                        zu Lebzeiten geschenkt hat, die andere mit zwei Zicklein wurde für
   1 ½ Gulden verkauft.
            An Bünenn (Bienen)
                  9 „Störke Bünen“ (Bienenstöcke) sind vorhanden, die Teilung wird verschoben
                                   „biß etwan ein schöner Tag sein möchte
                                               An Dürrenfleisch ( wohl Trockenfleisch)
                 1 ½ Seiten Speck, „haben gewogen 18 Pfund“,  die Witwe bekommt eine halbe              Seite, den Rest teilen die Erben unter sich
                 20 Schrot (?) fleisch, die Witwe bekommt 6 schrot, das andere die Erben
                 3 Bratwürste,   „seindt verspeißet worden“ 
                                      Ann Vnschlit. (Wachs für Kerzen)
                   1 Boden Unschlitt von 4 ½ Pfund, ist für 2 ½ Groschen pro Pfund verkauft                                  worden
                                               Ann Zwibelln (Zwiebeln)
                        …. bestrichen Viertel,  teilen die Erben (die Mengenangabe ist unleserlich)
                                               Ann Hünnern (Hühner)
                 6 Hühner und 1 Hahn,  5 Hühner und der Hahn bleiben beim Käufer, die 6. Henne                                    ist der Witwe gegeben worden
            Ann Bettenn
                3 Betten und 1 Pfühl,  „haben die drei Schwestern sich geteilt“  - 
                                   (Erstaunlich: eine Familie mit 10 Kindern und nur drei Betten!!)
Ann Garnn (Garn)
8. stücke flächßin (wohl Flachs)
3. stücke 1 ½  Zaspel mittel
5. stücke 3. Zaspel grobgarnn, „haben die Wittwe und Töchter geteilt“
            Ann Leinwanndt
1 Stück unangeschnittene grobe Leinwand von 9 Ellen, die Witwe erhält
3 Ellen, den Rest die Erben, - „Die angeschnittene Leinwandt
aber haben die Töchter allein getheilet.“

            Ann Kastenn vnd Laden (etwa: Schränke und Truhen)
    „So viel derselben vorhanden gewesen seind Von den Töchtern getheilet worden
                        (es scheinen wenige gewesen zu sein)
            Ann Mannskleidern
„Selbigenn habenn die Söhne vnter sich getheilet.“
Im Kaufvertrag des Bauerngutes erscheinen noch
                                    3 Zugochsen
die zum Gut gehören, und deshalb nicht aufgeteilt werden.
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Damit endet die Inventurliste.
Einiges ist schwer zu verstehen: warum gibt es keine Schweine, keine Gänse oder Enten? Vielleicht hatte nur der Lehnsherr das Recht zur Schweinezucht?
Die sicher spärlichen Möbel, wie Tische und Bänke gehörten wohl zum Gut, warum aber dann nicht die „Kasten und Laden“?
Immerhin gibt diese recht komplette Auflistung des Inventars eines Bauernhofes im Jahre 1630 einen guten Einblick in die Lebensbedingungen