Die Bünaus in Prossen



Viele kennen die Sage über die Bünaus und wie diese nach Prossen gekommen sind.

Danach habe sich Rudolph von Bünau, der ehemalige Besitzer des Tetschener Schlosses, weil er sich seines Glaubens wegen entschließen musste, das Böhmerland zu verlassen, mit seiner Familie auf ein Schiff begeben und sei die Elbe herab gefahren. Dabei habe er den Entschluss gefasst, dass er da, wo sich sein Schiff ohne besondere Mühe an Land legen würde, künftig wohnen wolle. Worauf es denn geschehen, dass sich sein Schifflein an den Ufern des Dorfes Prossen von selbst an das Land gelegt hatte. Der Herr von Bünau habe dies als göttliche Fügung angesehen und das Schloss und Rittergut Prossen vom damaligen Besitzer Ranisch abgekauft.

Soweit die Sage. Doch war es tatsächlich so?

In Wirklichkeit ging es damals nicht so friedlich oder gar romantisch zu, wie man der Sage nach vermuten könnte.

Es war Krieg und die Pest ging um. Beides brachte viel Unglück, auch in unsere Region.

Bekanntlich begann der 30-jährige Krieg im Jahre 1618 mit dem Fenstersturz zu Prag, indem sich böhmische Protestanten gegen das katholische habsburgische Kaiserhaus erhoben.

In Böhmen hatte sich im 16. Jahrhundert wie in Sachsen sehr schnell die lutherische reformatorische Lehre verbreitet.
Das Bünauische WappenIn dieser Zeit verstärkten sich die Verbindungen zwischen Sachsen und Böhmen auf allen Ebenen. Viele sächsische protestantische Adelige, darunter die Bünaus, gingen nach Böhmen, kauften dort Ländereien und waren maßgeblich an
der wirtschaftlichen Entwicklung der Gegend beteiligt.

Günther von Bünau, der Großvater der beiden Rudolphs, die später nacheinander das Vorwerk (Rittergut) in Prossen besaßen, kaufte 1534 von seinem Schwager Hans von Salhausen die Herrschaft Tetschen. Er und seine Söhne bauten das Tetschener Schloss und viele andere Güter aus, darunter Bünauburg (heute Bynov, Orttsteil von Dečin).

An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass alle männlichen Bünaus nur einen der drei Vornamen Günther, Heinrich oder Rudolph trugen. Gab es nun mehr als drei männliche Nachkommen in einer Familie, dann wurden zur Unterscheidung die Beinamen „der Ältere“ bzw. „der Jüngere“ angehangen.



Diese Besonderheit erschwert das Nachforschen der Geschichte der Bünaus. Deshalb sind auch die Angaben aus früherer Zeit oft widersprüchlich. So hatten die beiden „Pross´ner“ Rudolphs den Beinamen der Jüngere. Sie waren Cousins, oder wie man früher sagte Vettern. Zur weiteren Unterscheidung hing man dann noch, wie beispielsweise in unserem Falle, die Bezeichnung „aus dem Hause Lauenstein“ oder “aus dem Hause Tetschen“ an.

Doch zurück zu den Auseinandersetzungen zwischen Protestanten und Katholiken zu Beginn des 30-jährigen Krieges.

Im Jahre 1620 erlitten die böhmischen Protestanten in der Schlacht am weißen Berge bei Prag eine vernichtende Niederlage gegen die katholischen Kaiserlichen, nicht zuletzt dadurch, dass der sächsische Kurfürst (obwohl ebenfalls Protestant) seinen Glaubensbrüdern in Böhmen die Unterstützung versagte und sich auf die Seite des Kaisers schlug.

Eingang Bünauburg Seitdem wurde Böhmen (in der sog. Gegenreformation) gewaltsam wieder zum Katholizismus zurückgeführt. Die Habsburger rechneten mit politischen und religiösen Gegnern brutal ab. Sehr viele Menschen mussten damals Böhmen verlassen, wenn sie nicht zum katholischen Glauben übertreten wollten.

Davon waren auch die Bünaus betroffen, die ihren protestantischen Glauben nicht aufgeben wollten. Sie verkauften 1628/29 ihre Besitzungen, meist an den Tiroler Grafen von Thum, dessen Nachfahren noch bis zum
2. Weltkrieg das Tetschener Schloss bewohnten, und gingen nach Sachsen zurück, woher sie vor etwa 100 Jahren gekommen waren.
Rudolph von Bünau (der Jüngere aus dem Hause Lauenstein), geboren 1595 im heute nicht mehr existierenden Schönstein bei Tysa, später Herr auf Bünauburg, ließ sich auf dem Vorwerk Prossen nieder, das er 1629 von Hans Ranisch gekauft hatte.

Dieses Vorwerk ist baulich nicht identisch mit dem späteren, heute noch teilweise vorhandenem Rittergut. Es bestand aus dem Wohnhaus, dem Brauhaus und den Scheunen, Vieh- und Schafställen. Das damalige Vorwerk brannte gegen Ende des 17. Jahrhunderts ab. Das heute noch stehende und zwischenzeitlich baulich veränderte Herrenhaus wurde 1693 neu errichtet.


Rudolph war 22 Jahre lang Herr auf Prossen, zu dem außerdem noch Porschdorf, Wendischfähre und Altendorf gehörten.

Er führte auch hier fortschrittliche Methoden ein, u. a. ließ er in Altendorf ein neues Gerichtsbuch anlegen, in das „Käufe, Tausche, Teilungen, Testamente, Übergaben, Verträge, Verzichte, Contracte und Verhandlungen“ eingetragen wurden.

Er erließ eine „Polizeiordnung“ (sie hieß damals schon so), in der die Verhaltensweisen seiner Untertanen geregelt waren. So wurde z. B. damals schon festgelegt: „Ahn den Sontagen vnd hohen festen soll alle handtarbeitt vnd fuhrwerg … verboten sein, Es were denn, dass es mit einem die Noth so hoch erforderte .“ oder: „Eß soll auch ein Jeglicher seine Dorff friede zumachen, vnd die Feuereßen besehen, dass ein Jeglicher eine verwarte feuer-eßen vndt Backofen habe.“
Totengedenktafel in der Kirche in Ölsen Er hatte auch ein gutes Verhältnis zur Königsteiner Kirche. Der stiftete er ein rotes Messgewand, auf dem mit der Jahreszahl 1647 das Bünauische Wappen eingestickt war. Übrigens ist das Bünauische Wappen noch heute in einem Fenster der Kirche zu sehen.

1651 musste er Prossen aus finanziellen Gründen an seinen gleichnamigen Vetter verkaufen. Er zog sich auf sein Gut Ölsen zurück, das er 1636 von seinem Bruder Rudolph den Älteren geerbt hatte, und starb dort 2 Jahre später. Auf der hinter dem Altar der Ölsener Kirche ange-brachten Totengedenk-tafel ist zu lesen: „HERR RUDOLPH VON BÜNAW DER JÜNGERE AUS DEM HAUSE LAUEN-STEIN UFF ÖLSA IST GEBO-REN ZU SCHÖNSTEIN Aō MDXCV DEN 11. MAI, IST IN GOTT DEM HERRN SELIG ENTSCHLAFEN ZU ÖLSA Aō MDCLIII DEN 2. FEBR. SV SEINES ALTERS IN 57 JAHR“

Neuer Besitzer wurde der auch schon erwähnte Rudolph von Bünau (der Jüngere aus dem Hause Tetschen). Dieser war Besitzer von Türmitz (heute Trmice bei Usti) gewesen, das er 1629 ebenfalls verlassen musste. Danach wohnte er zunächst in Krippen und besaß ab 1649 Gießenstein (bei Gottleuba). Er lebte nur drei Jahre in Prossen, starb 1654 und liegt in Königstein begraben. Auf seinem (aber nicht mehr vorhandenen) Grabstein war zu lesen:

Rudolph starb ohne männliche Nachfahren und damit ohne direkten Erben. Prossen wurde nun zum Streitobjekt der vorher benannten Erben zweiten Grades, die aber alle kein rechtes Interesse an Prossen hatten. Das anfangs fortschrittliche Wirken der Bünaus ging verloren. 1659 übernahm der Neffe Rudolphs, Heinrich von Bünau (auf Herbergen) die Verwaltung. 1670 hat es Caspar Heinrich von Schönberg auf Purschenstein, Seyda und Döhlen (auch ein Verwandter und Lehnsnachfolger der Bünaus) erworben.

1689 endete mit dem Verkauf des Rittergutes an Gottlob und Johanna Eleonore von Lüttichau endgültig die Zeit der Bünaus in Prossen.